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Das Organistenteam durch die Zeiten

– Einzelkämpfer und Teamplayer –

Wer waren und sind die Menschen, die mit diesem Instrument, dessen Entstehung der letzte Beitrag aufgezeigt hat, zurechtkommen mussten? Dieser Orgel, deren Prospekt nur aus einem Schwellkasten auf der zweiten Empore der Kirche bestand und dessen Pfeifenwerk dahinter sehr weit zurückgesetzt in einer Turmnische aufgestellt war, sodass im Kirchenraum nur wenig Klangentwicklung möglich war? Und deren technische Mängel sich mit der Zeit mehr und mehr offenbarten?

Meine Erinnerung reicht indirekt zurück bis zu August Schlitt, einem Organisten „alter Schule“ im Wortsinne. Er vereinte noch in alter Tradition den Lehrerberuf an der Salmünsterer Schule mit dem Organistenamt, und für letzteres war er fast vollständig allein zuständig. Das bedeutete, dass er sonntags vormittags drei Messen um 7 Uhr, 8.30 Uhr und das Hochamt um 10 Uhr auf der Orgel begleitete und an Werktagen vor dem Beginn seines Schuldienstes schon die Frühmesse in der Kirche gespielt hatte, und das über viele Jahre. Meine Erinnerungen sind indirekt, da ich ihn nicht mehr selbst gekannt habe. Er hat aber u. a. noch die Hochzeitsmesse meiner Eltern in Lettgenbrunn gespielt und war der Klassenlehrer meines Vaters gewesen. In natürlicher Verbindung zwischen Lehr- und Organistenamt wies August Schlitt, der von seinen Schülern genauso wie von seiner Enkelin „Opi“ genannt wurde, diese zuweilen an, ihm als menschliche Stimmdrücker bei der Instrumentenpflege behilflich zu sein. Mein Vater hat so als Kind ab und zu die Tasten am Spieltisch der Orgel niedergedrückt, wenn August Schlitt das Orgelwerk durchstimmte. Als Messdiener musste mein Vater bisweilen den Kalkantendienst wahrnehmen, d. h. die Bälge der Orgel im Gottesdienst zur Erzeugung des Spielwindes treten, denn einen Orgelmotor gab es erst später. Wie allerorten üblich, so erzählt er, haben auch in Salmünster die Messdiener den Organisten dann und wann geärgert, indem sie den Balg zu langsam traten, sodass sich der Orgelton zu einem Heulen verzerrte, beteuert aber, an solchen Streichen nie beteiligt gewesen zu sein.

Wenn August Schlitt den Orgeldienst in ganz seltenen Fällen wirklich einmal nicht ausüben konnte, half damals schon Felicitas Stierstorfer aus. Genau wie in der familieneigenen Apotheke verrichtete sie auch an der Orgel ihren Dienst ruhig und ohne viel Aufhebens, aber äußerst gekonnt und professionell.

Dann gehörte auch Amtsgerichtsrat Dr. Wilhelm Becker zu den Organisten. Er wohnte als Leiter des ehemaligen Amtsgerichts Salmünster in der Dienstwohnung im Amtshof, und dort stand neben einer zweimanualigen Zungenorgel mit vollem Pedal auch ein sehr schöner Flügel, auf dem er gern zur von der Schallplatte wiedergegebenen Orchesterbegleitung Klavierkonzerte spielte. Dr. Becker war der erste, bei dem ich mich noch als Klavierschüler nach dem Gottesdienst auf die Orgelbank setzte und mal das Spielgefühl auf der Orgel ausprobierte.

Ludwig Korn war ein Organist von großer natürlicher Musikalität, was ihm im Gottesdienst bei Improvisation und Liedbegleitung enorme Flexibilität verlieh. Keine Situation brachte ihn in Verlegenheit, ein Zwischen- oder Vorspiel mochte so lang oder kurz notwendig sein, wie es wollte. Er hatte ein tolles Gefühl für Stimmungen und konnte, besonders im Team mit Pater „Pastor“ Bernward Ziwes, eine Gemeinde richtig emotional „rocken“. Ludwig Korn leitete zu seiner Zeit den Kirchenchor und begleitete ihn oft selbst an der Orgel. Auch von Ludwig Korn ist die eine oder andere Anekdote überliefert. Als Tanz- und Unterhaltungsmusiker waren ihm alle Fastnachtshits geläufig, und so führten am Faschingssonntag eines Jahres mein Vater und sein Freund Alfred Mathes vor dem Hochamt mit ihm die unvermeidliche Diskussion, ob er nicht zum Einzug den Narhalla-Marsch spielen könne. Nach anfänglichem striktem Weigern müssen ihm die beiden mit ihren kleinen Provokationen so zugesetzt haben, dass er schließlich wild entschlossen war und die Katastrophe nur dadurch verhindert werden konnte, dass Alfred Mathes beim Glockenzeichen zu Beginn des Gottesdienstes schnell den Strom an der Orgel ausschaltete. Ludwig Thoma lässt grüßen.

Mit Christa Noll, die leider vor zweieinhalb Jahren schon verstarb, kommen wir zu den bis in die jüngste Zeit aktiven Organistinnen und Organisten. Ihre Verdienste um das Projekt der neuen Jann-Orgel habe ich schon erwähnt, und darüber hinaus ist Christa Noll die erste Lehrerin an der Orgel für einige heutige aktive und professionelle (Kirchen-)Musiker gewesen, nämlich für Stefan Poppe, Andreas Rink und Alexander Zahn. Sie, die zu keiner Arbeitsstelle pendelte, hat Orgeldienste bei Werktagsgottesdiensten oder Beerdigungen zu allen Zeiten stets ermöglicht und in ungezählter Menge wahrgenommen. Ihr persönliches Steckenpferd waren die Orgeldienste in Alsberg, die sie zu ihrer Zeit quasi exklusiv durchgeführt hat.

Alle folgenden Organistinnen und Organisten in St. Peter und Paul sind heute weiterhin aktive Musikerinnen und Musiker. Dr. Maria-Elisabeth Heisler-Wiegelmann hat die Orgel bereits zuzeiten von Felicitas Stierstorfer und Dr. Wilhelm Becker gespielt, Musikwissenschaft studiert, ist heute als Musiklehrerin tätig und hat ihren kirchenmusikalischen Tätigkeitsschwerpunkt nach Bad Orb, dem Dienstsitz ihres Mannes, unseres Regionalkantors Thomas Wiegelmann, verlegt. Ebenso als Musiklehrer und Chorleiter im kirchlichen oder weltlichen Bereich tätig sind Dr. Andreas Rink (ebenfalls Musikwissenschaftler), Stefan Poppe und Alexander Zahn. Alle drei haben das Orgelspiel im Rahmen ihrer Hochschulausbildung professionalisiert. Natürlich ist Norbert Ross zu nennen, der seit inzwischen über dreißig Jahren auch unseren Kirchenchor mit viel Engagement leitet. Bei der Gestaltung vieler festlicher Gottesdienste mit dem Chor und Orchestermusikern und Organisten ist über die Musikalität hinaus immer wieder auch sein organisatorisches Geschick gefordert. Und schließlich ist Olivia Kirchner zu erwähnen, die als frischgebackene Absolventin der nebenamtlichen Organistenausbildung ins Team einstieg und heute in Stuttgart Kirchenmusik studiert.

Mit Christa Noll, Stefan Poppe, Andreas Rink, Norbert Ross, Alexander Zahn und mir waren wir das Organistenteam, das die ersten Dienste auf der neuen Jann-Orgel tätigte. Zusammen haben wir auch einige „Orgelkonzerte heimischer Organisten“ gegeben, das erste Programm aus dem Jubiläumsjahr 1995 ist hier zu sehen:

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