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Orgeln in Bad Soden-Salmünster

– ein Blick auf andere Orgelprojekte in unserer Stadt –

Einen grundständigen Orgelneubau, so habe ich es schon in einem früheren Beitrag gesagt, erlebt eine Gemeinde höchstens alle 150 Jahre – oder muss ihn über sich ergehen lassen, je nach Standpunkt dazu. So lange hält eine handwerklich solide gebaute Orgel mindestens. Kleinere und größere Reparaturen oder Sanierungen sind öfter im Rahmen der Orgelpflege notwendig, sodass aus den letzten Jahrzehnten über mehrere kleinere Orgelprojekte in Bad Soden-Salmünster berichtet werden kann.

Parallel zum Einbau der neuen Orgel in St. Peter und Paul wurde im Jahr 1995 die Orgel in der katholischen St. Laurentius-Kirche in Bad Soden von der Orgelbauwerkstatt Hoffmann aus Ostheim/Rhön komplett saniert. Es handelte sich um einen technischen Neubau, d. h. Gehäuse und Pfeifenmaterial wurden wiederverwendet, die Traktur und die Spielanlage der Orgel wurden komplett erneuert. Das Instrument geht zurück auf das Jahr 1911, in dem es von der historisch bedeutsamen Fa. Walcker aus Ludwigsburg, einst eines der weltweit führenden Unternehmen im Orgelbau, errichtet wurde. Im Jahr 1959 wurde es zwischenzeitlich umgebaut. Mit der Sanierung 1995 wurde die originale Klanggestalt mit 21 Registern und zwei Manualen wiederhergestellt und eine Pedalzunge als Posaune 16′ hinzugefügt. Die elektrische Registertraktur mit ihrer Setzeranlage unterstützt den Spieler auch bei Konzerten vorteilhaft. Als Regionalkantor hat Thomas Wiegelmann diese Sanierung begleitet.

Die auf die Orgelbauwerkstatt Ratzmann in Gelnhausen, heute fortgeführt von Andreas Schmidt, zurückgehende Orgel in der evangelischen Versöhnungskirche aus dem Jahr 1913 erfuhr im Jahr 1992 eine größere Überholung durch den Orgelbauer Dieter Noeske aus Rotenburg an der Fulda, veranlasst vom damaligen Bezirkskantor Christian Hoffmann. Bei pneumatischen Trakturen, also solchen, bei denen die Übertragung zwischen Tasten und Pfeifen mittels Druckluft gesteuert wird, ist dies leider öfter erforderlich, da sie technisch aufwändiger und anfälliger sind als die robusten mechnischen Trakturen, bei denen diese Übertragung nur mit dünnen Holzleistchen geschieht. Die Stimmung der Orgel wurde im Zuge dieser Überholung auf den allgemein verbreiteten Kammerton a‘ mit 440 Hz eingestellt. Dadurch ist es möglich, die Orgel zusammen mit anderen Instrumenten in Gottesdienst und Konzert erklingen zu lassen. Derzeit steht erneut eine Überholung dieser Orgel und ihrer Traktur an.

Ratzmann-Orgel_Versöhnungskirche
Am Spieltisch der Ratzmann-Orgel der ev. Versöhnungskirche Salmünster, zusammen mit Katja Kleespies und Karin Dannenmaier; Foto: Barbara Kruse

Einen kompletten Orgelneubau erlebte auch die evangelische Erlöserkirche in Bad Soden. Das Projekt dafür wurde im Jahr 2002 zusammen mit der damaligen Bezirkskantorin Karin Dannenmaier gestartet und liefert genug Stoff für einen eigenen Blog – mal sehen. Der Neubau durch die Firma Mebold aus Siegen wurde im Jahr 2015 fertiggestellt. Seitdem besitzt auch diese Kirche im Stadtgebiet Bad Soden-Salmünsters ein wertvolles Instrument für Gottesdienst und Konzert.

Prospekt_Erlöserkirche
Mebold-Orgel, Erlöserkirche

Eine regelrechte Restaurierung eines historischen Instrumentes fand schließlich noch in Alsberg statt. Hier gelang es der auf Restaurierungen spezialisierten Orgelbaufirma Waltershausen, die Orgel von Fritz Clewing aus dem Jahr 1893 mit ihren klangvollen romantischen Stimmen zu erhalten und instandzusetzen. Tätig als Regionalkantor war hier wieder Thomas Wiegelmann.

Frank Kleespies erläutert die Besonderheiten der Alsberger Orgel
Vor der frisch restaurierten Clewing-Orgel in Alsberg; Foto: Barbara Kruse

Schließlich wurden einige Gelegenheiten ergriffen, um für Kirchen, Kapellen und Gottesdiensträume (meist) gebrauchte Orgeln anzukaufen und aufzustellen. Davon mehr im nächsten Blog-Beitrag …

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Die Königin kommt aus Laberweinting

– … und die Überschrift dieses Blogbeitrags nicht von mir, –

… sondern von Wolfgang B. Moritz, der damals als Chefredakteur des stadtanzeigers unter diesem Titel über den ersten Besuch von Gemeindemitgliedern von St. Peter und Paul in der Orgelbauwerkstatt Jann in Laberweinting-Allkofen berichtete.

Nachdem Ende 1990 die Entscheidung der Preiskommission für den Wettbewerbsentwurf von Georg Jann und Prof. Friedhelm Grundmann gefallen war, machte sich der Verwaltungsrat der Pfarrgemeinde dieses Urteil zu eigen. Ein Orgelbauvertrag zwischen Pfarrgemeinde und Orgelbauer wurde verhandelt und im April 1991 unterschrieben. Der Vertrag beinhaltete noch die Möglichkeit, die endgültige Disposition der Orgel aus drei im Detail unterschiedlichen Varianten auszuwählen. Nachdem wir diese Auswahl bis zum Frühjahr 1992 getroffen hatten, lud Georg Jann zu einem ausführlichen Besuch seiner Orgelbauwerkstatt im Frühsommer 1992 ein, an dem alle interessierten Gemeindemitglieder teilnehmen konnten. Der stadtanzeiger war mit von der Partie und berichtete die Ereignisse des Besuchs detailliert in geschliffener Prosa.

 

Die Orgelbauwerkstätte Jann befand sich damals kurz vor einem weiteren Höhepunkt ihrer Firmengeschichte. Bereits in der Vergangenheit hatte Georg Jann einige bemerkenswerte Orgeln erbaut, darunter die große dreimanualige Orgel mit Chamadenwerk mit insgesamt 52 Registern in der katholischen Stadtpfarrkirche in Memmingen, die Orgel im Dom zu Porto mit drei Manualen und 45 Registern, und gerade war im Jahr 1989 die Hauptorgel mit 60 Registern auf 3 Manualen in historischem Gehäuse in Waldsassen fertig geworden. Auch die Orgeln in Essen-Frintrop und Neustadt an der Aisch waren ja wie berichtet tolle Instrumente, wenn auch nicht so spektakulär groß. Im Jahr 1992 standen die Fertigstellung der Orgel im Konzertsaal in Bamberg mit 74 Registern auf vier Manualen kurz bevor, sie erklang ein Jahr später erstmals. Und im Jahr 1994 sollte dann die Hauptorgel im Liebfrauendom zu München als Neubau aus dem Hause Jann mit 95 Registern auf vier Manualen und Chamadenwerk geweiht werden.

 

Die Arbeiten für München, wofür auch noch eine neue Chororgel entstand, waren zur Zeit des Besuches bei Jann in vollem Gange. Wir haben diese Instrumente also in der Werkstatt und später eingebaut im Dom gesehen, und ich erinnere mich immer noch sehr gern daran, dass ich auch schon einmal auf der Hauptorgel in München spielen durfte.

 

Die Weihe der neuen Orgel in St. Peter und Paul wurde dann für das Jahr 1995 geplant, dem Jahr, in dem wir das 250-jährige Jubiläum des 1745 geweihten Gotteshauses feiern wollten. Geburtstagsgeschenk sollte die neue Orgel sein.

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Der Wettbewerb

– die Entscheidung für die Jann-Orgel fällt –

Nun war es so weit, die Entscheidung stand an. Die Gemeinde trug das Orgelprojekt mit, und durch die Mitarbeit vieler war bereits eine ansehnliche Spendensumme gesammelt worden. Wir hatten uns in der Nachbarschaft und in der Ferne über die aktuellen Möglichkeiten für einen Orgelneubau informiert. Jetzt musste Butter bei die Fische. Wie sollte sie nun aussehen, die neue Orgel? Zwei Manuale oder drei? Orientiert an einem historischen Stil, modern oder mit ganz eigenem Gepräge? Wer sollte sie bauen? Ein Orgelbauer aus der Nähe, eine traditionsreiche etablierte Werkstatt, oder sollte ein hoffnungsvolles aufstrebendes Unternehmen eine Chance erhalten? Kam vielleicht doch eine Art technischer Neubau unter Verwendung bestehenden Pfeifenmaterials in Frage, wir hatten uns ja auch geniale Restaurierungen angesehen?

Zumindest die letzte Frage ließ sich in einem Termin Ende Januar 1990 zusammen mit den Orgelsachverständigen unserer Diözese, Domorganist Hans-Jürgen Kaiser und Regionalkantor Raimund Murch (der gerade selbst ein Orgelbauprojekt bei sich in Hanau durchgeführt hatte), relativ schnell klären. Auch sie waren der begründeten Ansicht, dass dafür die Späth-Orgel zu wenig verwertbare Substanz besaß. Mit ihrem zurückgesetzten Standort in der Turmnische wies sie zudem eine akustisch äußerst nachteilige Eigenschaft auf, die im Rahmen einer Restaurierung nicht zu verändern war und dem Instrument trotzdem weiterhin anhaften würde.

Die neue Orgel sollte in der Lage sein, einen der Größe des Kirchenraumes angemessenen Klang zu entfalten. Das sprach eher für eine dreimanualige als für eine zweimanualige Anlage des Werkes, und es musste auch so platziert werden, dass der Klang im Raum zur Wirkung kam und nicht aus einer Nische heraus nur gedämpft zu hören war. Die Orgel würde also auch mit einem erheblichen Eingriff in die Innenarchitektur der denkmalgeschützten Kirche verbunden sein. Konnte ein Orgelbauer diese Herausforderung bewältigen? In dieser Situation wusste der im letzten Jahr verabschiedete Diözesanbaumeister Dr. Burghard Preusler Rat. Er schlug vor, für einen beschränkten Wettbewerb um den Orgelneubau Paare von Orgelbauern und kirchenerfahrenen Innenarchitekten zu bilden, die jeweils einen gemeinsamen Vorschlag abgeben sollten. Die Wettbewerbsausschreibung, die an drei solcher Paarungen unter Beteiligung der Orgelbauwerkstätten Georg Jann, Werner Bosch und Hubert Sandtner versandt wurde, forderte ein Konzept für die neue Orgel, das sie nicht nur in den barocken Raum in architektonischer wie klanglicher Hinsicht einpasste, sondern ihr genauso ermöglichte, zur Geltung zu kommen, klanglich und optisch präsent zu sein und in den Raum einzugreifen.

Diesen Anforderungen entsprach in mutiger und genialer Weise der von der Orgelbauwerkstatt Georg Jann aus Laberweinting bei Regensburg und dem Innenarchitekten Prof. Friedhelm Grundmann aus Hamburg eingereichte Vorschlag. Er setzte sich damit in der Preiskommission für den Wettbewerb, der ich für die Gemeinde angehören durfte, überzeugend durch. Das klangliche Konzept orientiert sich an barocken Vorbildern, das dreimanualige Instrument verfügt über ein Hauptwerk, ein Rückpositiv und ein schwellbares Echowerk sowie natürlich ein Pedal. Barocke Orgelmusik ist darauf optimal realisierbar, leichte Einschränkungen sind nur bei einigen orchestralen romantischen Werken hinzunehmen. Das Architekturkonzept antwortet auf den barocken Raum, indem dessen Gestaltungselemente aufgenommen werden. Gut zu erkennen ist das an den Säulen von Altar und Orgel. Die farbliche Gestaltung beider zeigt große Ähnlichkeit in der Marmorierung und Vergoldung. Die Säulen des Altares sind aber konisch, verjüngen sich also nach oben, die Säulen der Orgel zylindrisch. Die Altarsäulen werden durch ein barock verziertes vergoldetes Kapitell abgeschlossen, die Säulen der Orgel tragen an dieser Stelle einen schlichten Messingring. Es handelt sich also bei den Architekturelementen der Orgel nicht um Imitationen barocker Formen, sondern eigenständige und klar erkennbare moderne Elemente, die dennoch in Beziehung zu den barocken stehen.

Ein weiterer ganz wesentlicher Punkt ist die Form der Grundrisse des Orgelgehäuses. Mit dem Einbau der Orgel an dieser akustisch günstigen Stelle musste das mittlere barock geschwungene Brüstungselement der zweiten Empore entfernt werden – ein tiefgreifender Eingriff in die denkmalgeschützte Kirche, den Dr. Preusler möglich machte. Die Form dieses Elements ist aber weiter vorhanden, nämlich genau in der Form der Grundrisse des Orgelgehäuses. Für den Betrachter bleibt dieses Element also weiterhin sichtbar, wenn auch indirekt.

Insgesamt ist mit der Orgel im Vergleich zur früheren Situation ein Gegengewicht zum Altar entstanden, das diesen in seiner Bedeutung nicht mindert, sondern mit seiner an Engelsflügel oder eine Harfe erinnernden Form „musikalisch“ ergänzt.

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Orgeln und Landschaften

– Orgelreisen durch Deutschland –

Größere Orgeln sind an ihrem Aufstellungsort fest installiert, und so entstehen aus ihnen Orgellandschaften, die mit ihrer Umgebung in vielfältigen kulturellen und historischen Beziehungen stehen. Von mindestens einer haben wir schon gesprochen, der norddeutschen Orgellandschaft mit ihren historischen Barockorgeln.

Als Orgelbaukreis waren für unsere Blicke über den Tellerrand solche Orte interessant, wo in jüngerer Zeit Orgeln entstanden waren. Hier konnten wir am besten lernen, wie man heutzutage eine Orgel baut, was es zu beachten gilt und auch, welche Orgelbauwerkstätten in den letzten Jahren oder Jahrzehnten gute oder hervorragende Werke erstellt hatten.

So entschieden wir uns als Orgelbaukreis dafür, mehrere Fahrten zur Besichtigung und Belauschung solcher Orgeln durchzuführen. Sie führten uns ins Ruhrgebiet, nach Franken und ins Rhein-Neckar-Gebiet.

Ein prägendes Erlebnis hatten wir bereits bei unserer ersten Fahrt, die ins Ruhrgebiet führte. Das Ruhrgebiet als Orgellandschaft bot genau das, was wir wollten. Bedingt durch das Wachstum der Bevölkerung waren hier in zahlreichen Kirchen vor gar nicht langer Zeit neue Orgeln entstanden. Eine, auf die uns unser Regionalkantor Thomas Wiegelmann hingewiesen hatte – terminbedingt konnte er bei der Fahrt ins Ruhrgebiet nicht dabei sein, war aber bei den anderen mit von der Partie -, war die im Jahr 1988 gerade neu erbaute Jann-Orgel in der evangelischen Kirche in Essen-Frintrop. Es war erstaunlich, wieviel Klang dieses Instrument in diesem Raum entwickelte, es war perfekt intoniert und darauf abgestimmt. In Essen-Frintrop haben wir überhaupt zum ersten Mal eine Jann-Orgel gehört, und der Hinweis von Thomas Wiegelmann sollte ganz entscheidend für unser Orgelprojekt werden.

Wir haben auf dieser Fahrt einige weitere Orgeln besichtigt, beispielsweise ein Werk von Mönch und Prachtel aus Überlingen in Duisburg-Hamborn, eine aus der führenden österreichischen Orgelbauwerkstatt Rieger in Essen-Altendorf oder eine Orgel von Alfred Führer aus Wilhelmshaven in Essen-Kray. Auf diesem Instrument, das so angenehm herb klingt wie ein norddeutsches Bier schmeckt, hat uns der Organist, der selbst gern konzertiert, bei unserem Aufenthalt in aller Kürze ein kleines Orgelkonzert gegeben.

Nach Mittelfranken fuhren wir schon mit der mit der festen Absicht, eine weitere Jann-Orgel zu hören, und zwar in der evangelischen Stadtkirche in Neustadt an der Aisch. Wir mussten uns nicht bemühen, die 1982 gebaute Orgel dort auf Herz und Nieren zu testen, das erledigte KMD Dieter Eppelein selbst gern für uns. Er hatte extra einen Organistenkollegen hinzugebeten, und während wir uns alle im Kirchenraum positionieren konnten, rief er seinem Kollegen Anweisungen zu, um uns alle möglichen und unmöglichen Registerkombinationen vorzuführen. Und selbst die schon abstrus zu nennende Kombination einer 16′-Pedalzunge mit einer 1′-Flöte aus einem Manual klang irgendwie gut, und die Töne sprachen synchron an.

Unsere Fahrt in den Rhein-Neckar-Raum brachte uns nochmal eindrucksvolle Klangerlebnisse, beispielsweise an der 1988 von Marcussen aus Dänemark erbauten Orgel in der Christuskirche, an der Sandtner-Orgel in St. Ulrich in Rheinstetten-Mörsch, das anstelle einer Späth-Orgel (hatten wir in Salmünster ja auch!) in den 80er Jahren aufgebaut worden war, oder an der Orgel der Providenzkirche in Heidelberg, einem Instrument, das im Jahr 1986 von Gebr. Link grundlegend restauriert worden war und auf eine historische Orgel aus dem Jahr 1885 von Mathias Burkard zurückgeht.

Wie schafft man es nun angesichts der vielen Eindrücke und der Möglichkeiten, die sich auftun, trotzdem, sich zu entscheiden? Dazu mehr im nächsten Blog-Beitrag …

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Brahms und Bratwurst

– Aktionen und Spenden für einen Orgelneubau –

Na gut, Entschuldigung, eigentlich müsste es, wenn schon, Bach und Bratwurst heißen. Der Johann Sebastian Bach kommt bei Kirchenmusikkonzerten viel öfter zur Geltung als der Johannes Brahms, dessen Orgelwerke alle in einen einzigen Band passen. Aber das gibt dann eine nicht ganz so schöne Alliteration, deswegen musste der Johannes Brahms jetzt mal für die Überschrift herhalten.

Da sind wir aber direkt  beim Punkt des Beitrages: So alleinentscheidend für die Spendensammlung bei einem Orgelneubau sind kirchenmusikalische Beiträge gar nicht – und ob man da dann Bach oder Brahms spielt. Sie setzen natürlich thematisch den Rahmen, und deswegen sind Kirchenkonzerte dafür schon unverzichtbar. Zudem wäre es auch widersinnig, wenn sich bei der Anstrengung, die ein Orgelneubau einer Gemeinde abverlangt, ausgerechnet die Kirchenmusik zurückhielte. Daher wurden auch in Salmünster bei Konzerten Spenden für die Orgel gesammelt. Der weitaus größte Spendenanteil für eine Orgel kommt aber anders zustande, und das muss hier auch gewürdigt werden.

Orgelbesichtigung1985
Möglichkeit zur Orgelbesichtigung im Sommer 1985

Durch die schon dargestellten Artikel in „St. Peter+Paul aktuell“ und andere Aktionen wie Orgelbesichtigungen, die die gesamte Gemeindeöffentlichkeit erreichen sollten und bei denen sich jeder selbst überzeugen konnte, war es gelungen, in der Breite Zustimmung für das Orgelprojekt zu gewinnen. So war es überhaupt möglich, dass an allen Ecken und Enden der Gemeinde Gruppen und Initiativen den Orgelneubau unterstützten und Spenden dafür gaben oder erwirtschafteten.

Als Spendengeber gab es einzelne in durchaus nennenswerter Zahl, die das Projekt mit nicht unerheblichen Beträgen unterstützten. Kollekten, die dem Orgelneubau gewidmet wurden, bei denen die Einzelspende kleiner ist, aber mehr Spender zusammenkommen, trugen ebenfalls wesentlich zur Finanzierung bei. Und dann gab es eben eine Fülle an Aktionen, im Rahmen derer mit Kuchenverkäufen, Getränkeausschank, Bratwurstgrillen, Feilbieten von Gestricktem und Gehäkeltem, Bilderverkauf, Flohmarkt und vielen, vielen anderen Ideen Spenden gesammelt wurden. Daran beteiligten sich alle Gruppen der Gemeinde, Frauengemeinschaft und Kirchenchor, Handarbeitskreis und Jugendgruppen, und darüber hinaus – auch nichtkirchliche Vereine ließen sich begeistern – und erwirtschafteten so einen erheblichen Spendenanteil. Deutlich wird es etwa an den Titelseiten der beiden Pfarrblätter zum Pfarrfest 1990, von welcher Breite das Projekt schließlich getragen wurde.

Jeder und jedem einzelnen, der oder die sich begeistern ließ, gebührt auch im Nachhinein nochmals Dank, denn die Kirchenmusik kann so ein Vorhaben allein nicht bewältigen. Es ist ein echtes Gemeindeprojekt, ein Projekt mit Brahms und Bratwurst und nicht entweder oder. Nur so war es möglich, dass im Jahr 1995 bei der Weihe der neuen Orgel schon ein erheblicher Anteil der notwendigen Finanzmittel vorhanden war.

FinanzierungStatus1995
Finanzierungsstatus 1995 zur Orgelweihe

Ganz klar, die in zehn Jahren zusammengekommene Spendensumme von 450 TDM spielt oder singt man weder heute noch damals allein mit Kirchenkonzerten zusammen. Die Frage heute ist, wie sich ein solches Engagement aller Gruppen der großen aktiven Gemeinde und darüber hinaus wiederholen lässt.

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Aus dem Olymp der Orgelbauer

– die Arp-Schnitger-Orgel in Norden –

Den Blog habe ich damit angekündigt, dass ich jeden Tag einen kleinen Text schreibe, dass es Bilder „von damals“ gibt und auch ab und zu „was auf die Ohren“, also etwas zu hören. Texte und Bilder gab es nun schon einige, da wird es heute Zeit, dass die auditive Seite zum Zuge kommt.

Von Orgelbauprojekten, die in unserer Nähe stattfanden, habe ich gerade berichtet. Wir haben dann auch Orgeln in größerer Entfernung besichtigt, davon wird noch die Rede sein. Und wir haben uns im „Orgelbauarbeitskreis“, der sich mit der Zeit zusammengefunden hatte, gefragt, welche Art von neuer Orgel in unsere Kirche passen würde. Eine Orgel ist immer höchst individuell. Das macht Sinn, weil die akustischen und räumlichen Voraussetzungen in den ebenso individuell gestalteten Räumen immer andere sind. Es ist aber auch einfach schön, dass die vielfältigen Möglichkeiten des Orgelbaus bei verschiedenen Instrumenten unterschiedlich genutzt werden. Orgelbau ist eine kreative, schöpferische Tätigkeit – kann man von einer Kunst sprechen? Thomas Jann, der Junior-Chef „unserer“ Orgelbauwerkstatt, sagte einmal auf eine entsprechende Frage, er fühle sich keineswegs als Künstler, der Orgelbau sei ein Handwerk. Es könne künstlerische Leistungen ermöglichen, sei aber selbst keine Kunst. Da ließe sich eine lange Diskussion aufziehen, angefangen bei der zum geflügelten Wort gewordenen etymologischen Einsicht „Kunst kommt von Können“ bis hin zu den Kunstbegriffen der Moderne und Postmoderne. Fest steht, dass es Orgelbauer von enormem Können gegeben hat und gibt, die stilbildend tätig wurden. Wir haben einen im Blog bereits kennengelernt, es ist Aristide Cavaillé-Coll, nach dessen Vorbildern die Orgel in Mariae Namen in Hanau gestaltet wurde. Ein anderer Orgelbauer aus dem „Olymp der Orgelbauer“ ist Arp Schnitger, der die norddeutsche Barockorgel zur Reife gebracht hat. Natürlich erwähne ich ihn deshalb, weil wir uns mit der Zeit darüber klar wurden, dass in eine barocke Kirche wie St. Peter und Paul es darstellt, die sogar als Denkmal dieser Zeit bestätigt ist, auch ein Orgelwerk hineinpasst, dass barocke Elemente aufnimmt, auf sie klanglich wie optisch antwortet. Und im barocken Orgelbau hat Arp Schnitger Maßstäbe gesetzt. Schon als Orgelschüler habe ich die von Karl Straube herausgegebene Sammlung „Alte Meister des Orgelspiels“ studiert, und in der findet sich als Beispiel die Disposition der von Arp Schnitger erbauten Orgel der Kirche St. Jacobi in Hamburg. Bei einem Aufenthalt in Hamburg in dern 80ern habe ich dieses Instrument auch besichtigen können, spielbar war es damals nicht – das ist erst wieder seit seiner Restaurierung Anfang der 90er Jahre möglich. Ebenbürtig ist ihr die ebenfalls von Arp Schnitger erbaute Orgel der Ludgeri-Kirche in Norden, und von ihr möchte ich euch heute Bild- und Klangeindrücke hier in den Blog stellen. Barocker Orgelklang in höchster Vollendung, und der inspirierte uns auch damals, als es um die Festlegung des Konzeptes für die neue Orgel in St. Peter und Paul ging.

Ich selbst bin leider noch nicht in Norden bei und an diesem weltberühmten Instrument gewesen, die Bilder und Klangbeispiele hat mir mein Freund Rainer Bleek (Brain1966) dankenswerterweise und gern zur Verfügung gestellt – viel Freude beim Anschauen und Anhören, aber die brauche ich gar nicht zu wünschen, die stellt sich ganz von selbst ein, da bin ich sicher!

Fotos und Videos: Brain1966

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Blicke über den Tellerrand

– Orgelprojekte in der Umgebung –

Für eine Gemeinde ist ein Orgelneubau ein sehr singuläres Projekt. Wenn eine Orgel handwerklich gut gebaut ist (so wie unsere Jann-Orgel), kann man mit einer Nutzungsdauer von 200 Jahren rechnen, bei ordentlicher Pflege gern länger. Bei einer normalen Kirchengröße, d. h. es handelt sich nicht gerade um eine Domkirche, ist eine große oder größere Orgel für den Kirchenraum notwendig. Hinzu kommt eventuell noch ein kleines, bewegliches Instrument für Zwecke wie Chorbegleitung, wenn die räumlichen Gegebenheiten das nahelegen. Damit sieht man sich in einer Gemeinde mit der Herausforderung eines kompletten Neubaus oder einer Neubeschaffung einer Orgel im Schnitt nur alle etwa 150 Jahre konfrontiert, wiegesagt, wenn handwerklich alles solide ist. Da Orgeln sehr weitgehend aus natürlichen Materialien wie Holz und wiederverwendbaren wie Stahl und den Orgelmetallen Zinn, Zink, Blei und Kupfer bestehen, ist das Ganze übrigens auch eine recht nachhaltige Sache.

Das bedeutet, dass man für ein solches Projekt nicht einfach auf eigene Erfahrung zurückgreifen kann, weil man so etwas schon alle paar Jahre gemacht hat. Der Blick über den Tellerrand ist nicht nur zu empfehlen, sondern notwendig, wenn ein Orgelprojekt verantwortungsvoll durchgeführt werden soll.

So kann man Erfahrungen von Projekten mitnehmen, die irgendwo im Umkreis vor nicht allzu langer Zeit stattgefunden haben, manchmal auch bei Leuchtturmprojekten, die darüber hinaus ausstrahlen. Das haben wir damals auch getan und uns umgeschaut, was gerade an Orgelneubauten läuft oder gelaufen ist, um Kontakte zu knüpfen und Inspiration und wertvolle Hinweise für das eigene Vorgehen zu gewinnen.

Ein Projekt, das in unmittelbarer Nachbarschaft lief, war der Orgelneubau in der Bad Orber Kirche St. Martin nach dem verheerenden Brand in der Weihnacht 1983, bei dem die Innenausstattung der Kirche ziemlich komplett zerstört wurde. Nachdem schon 1985 der neu gestaltete Kirchenraum wieder eingeweiht worden war, konnte zwei Jahre später eine neu gebaute Orgel in Dienst genommen werden. Die Bad Orber feuten sich auf den Klang des Instrumentes, das die Orgelbauwerkstatt Johannes Klais aus Bonn erstellt hatte, ein damals wie heute renommiertes Orgelbauunternehmen.

Während in Bad Orb das Mega-Projekt der Wiederherstellung und Neugestaltung des gesamten Kirchenraumes die Aufmerksamkeit auf sich zog und der Orgelbau in der allgemeinen Wahrnehmen fast zweitrangig war, stand das Thema Orgel in Mariae Namen in Hanau ganz oben. Hier war der Plan von Regionalkantor Raimund Murch, eine Orgel ganz im französischen Stil zu bauen. Er setzte das zusammen mit der Traditionsorgelbauwerkstatt Oberlinger aus Windsheim um, und es entstand eine große sinfonisch-romantische Orgel nach Vorbildern des berühmten Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll. Cavaillé-Coll hat zahlreiche berühmte Orgeln in und um Paris geschaffen, darunter die in Notre-Dame, und so hat eines der ersten Konzerte nach der Weihe der damals noch recht junge Notre-Dame-Organist Olivier Latry gegeben.

Eine größere Sanierung einer Orgel ereignete sich in Ulmbach, der Fuldaer Orgelbaumeister Klaus Gabriel renovierte hier die historische Oestreich-Orgel, die im Jahr 1989 bereits 151 Jahre alt war. Im Vergleich zu einem Neubau ein bescheideneres Projekt, das aber wegen der Denkmalwürdigkeit der Orgel vom Land Hessen finanziell gefördert werden konnte. Mit unseren Neubaubestrebungen blieb uns diese Finanzierungsform leider versagt.

Ulmbach
Sanierung der historischen Adam-Josef-Oestreich-Orgel in Ulmbach im Jahr 1989

Die Kontakte zu Mitwirkenden bei diesen Projekten halfen uns, so waren Klaus Gabriel und Raimund Murch und Orber Musiker auch zu Beratungsterminen bei uns in Salmünster. Und diese Projekte motivierten uns, wir haben gesehen: Es geht, wir können es schaffen!

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Im Anfang war das Wort …

– Überzeugungsarbeit für eine Orgel –

Mit ihrem Brief hatte Christa Noll uns zum Nachdenken und den Stein bei einigen wieder ins Rollen gebracht, aber längst nicht bei allen … es galt noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, vor und hinter den Kulissen. Für die Öffentlichkeit in der Kirchengemeinde gab es seit Mitte der 80-er Jahre die  Gemeindezeitung „St. Peter + Paul aktuell“, die in freier Folge die Serie der Pfarrblätter durch ausführlichere Berichte und Beiträge ergänzte. Dort, so hatten wir uns vorgenommen, sollten Artikel erscheinen, die allen Gemeindemitgliedern das Thema eines Orgelneubaus nahebringen sollten.

So durfte ich in der Ausgabe 1985/1 den Reigen eröffnen mit einer Bestandsaufnahme der alten Orgel. Schon im Jahr 1919 sei die pneumatische Traktur, also die Spielverbindung zwischen Tasten und Pfeifen mittels Druckluftröhren, eine fehleranfällige und pflegeintensive Konstruktion gewesen, die in ihrem heutigen Zustand dazu führe, dass Töne ungleichmäßig ansprechen und abklingen und oft hängenbleiben. Eine beachtliche Zahl von Registern, deren Auswahl ohnehin nicht optimal war, musste wegen dieser technischen Probleme bereits komplett stillgelegt werden. Das Pfeifenmaterial war wegen schlechter Wartung teils verbeult und unstimmbar geworden. So führte ich Mangel um Mangel auf und kam zu dem unweigerlichen Schluss, dass ein Neubau unumgänglich sei.

(Der Beitrag ist hier ohne Verfassernamen abgebildet, der ist aber aus dem Inhaltsverzeichnis der Zeitung erkennbar.)

Die Resonanz war bei denen, die sich interessierten, geteilt. Auch wenn ich, wie ich fand, die Mängel schonungslos dargelegt hatte und die Konsequenz unausweichlich war, wollten sich dem nicht alle ohne Weiteres anschließen. Es gab schließlich auch Gegengründe, angefangen von Relativierungen der Darlegung bis zur Einschätzung, dass ein Orgelneubau nicht finanzierbar sein werde.

Um die Diskussion weiter in die Breite zu treiben und die Gegenargumente aufzunehmen, adaptierte – so will ich es einmal nennen – mein Vater, der damals Mitglied im Pfarrgemeinderat und später Verwaltungsrat war, einen auch für damalige Verhältnisse provokanten Aufsatz des Mainzer Theologen und Kirchenmusikers Prof. Dr. Manfred Mezger auf unsere Verhältnisse und veröffentlichte ihn in der nächsten Ausgabe St. Peter+Paul aktuell 1985/2:

Die Diktion wäre in Zeiten gebotener politischer Korrektheit wohl untragbar gewesen, besitzt aber zweifelsohne Unterhaltungswert und löste wie beabsichtigt eine breitere Diskussion aus, natürlich auch über den Stil der Polemik.

Unverdrossen legten wir in der nächsten Ausgabe St. Peter+Paul 1986/1 noch einmal nach. Diesmal veröffentlichte Maria-Elisabeth Heisler einen Aufsatz mit fundierten Darlegungen zu Bedeutung und Wert der Kirchenmusik unter besonderer Berücksichtigung der Orgel:

… und mein Vater führte die Argumentation von Manfred Mezger noch ein wenig weiter:

So kam die Diskussion in der Öffentlichkeit in Gang, und die ersten unterstützenden Aktivitäten bis hin zu ersten Spenden für das Projekt sind in den Artikeln am Rande auch schon erkennbar. Das zeigt, dass sich die Diskussion doch schon zum Teil in die von uns beabsichtigte Richtung entwickelte. Von den Unterstützungsaktivitäten wird in folgenden Blogbeiträgen einiges zu erzählen sein.

Die hier einzeln dargestellten Artikel hat Wolfgang B. Moritz in redigierter Form und versehen mit einem Vorwort von Pater Matthias und einem Spendenaufruf nebst -formular zu einer Broschüre „Eine neue Orgel für St. Peter und Paul Salmünster“ zusammengestellt, sodass wir mit Argumentations- und Werbematerial für das Projekt gerüstet waren.

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Das Organistenteam durch die Zeiten

– Einzelkämpfer und Teamplayer –

Wer waren und sind die Menschen, die mit diesem Instrument, dessen Entstehung der letzte Beitrag aufgezeigt hat, zurechtkommen mussten? Dieser Orgel, deren Prospekt nur aus einem Schwellkasten auf der zweiten Empore der Kirche bestand und dessen Pfeifenwerk dahinter sehr weit zurückgesetzt in einer Turmnische aufgestellt war, sodass im Kirchenraum nur wenig Klangentwicklung möglich war? Und deren technische Mängel sich mit der Zeit mehr und mehr offenbarten?

Meine Erinnerung reicht indirekt zurück bis zu August Schlitt, einem Organisten „alter Schule“ im Wortsinne. Er vereinte noch in alter Tradition den Lehrerberuf an der Salmünsterer Schule mit dem Organistenamt, und für letzteres war er fast vollständig allein zuständig. Das bedeutete, dass er sonntags vormittags drei Messen um 7 Uhr, 8.30 Uhr und das Hochamt um 10 Uhr auf der Orgel begleitete und an Werktagen vor dem Beginn seines Schuldienstes schon die Frühmesse in der Kirche gespielt hatte, und das über viele Jahre. Meine Erinnerungen sind indirekt, da ich ihn nicht mehr selbst gekannt habe. Er hat aber u. a. noch die Hochzeitsmesse meiner Eltern in Lettgenbrunn gespielt und war der Klassenlehrer meines Vaters gewesen. In natürlicher Verbindung zwischen Lehr- und Organistenamt wies August Schlitt, der von seinen Schülern genauso wie von seiner Enkelin „Opi“ genannt wurde, diese zuweilen an, ihm als menschliche Stimmdrücker bei der Instrumentenpflege behilflich zu sein. Mein Vater hat so als Kind ab und zu die Tasten am Spieltisch der Orgel niedergedrückt, wenn August Schlitt das Orgelwerk durchstimmte. Als Messdiener musste mein Vater bisweilen den Kalkantendienst wahrnehmen, d. h. die Bälge der Orgel im Gottesdienst zur Erzeugung des Spielwindes treten, denn einen Orgelmotor gab es erst später. Wie allerorten üblich, so erzählt er, haben auch in Salmünster die Messdiener den Organisten dann und wann geärgert, indem sie den Balg zu langsam traten, sodass sich der Orgelton zu einem Heulen verzerrte, beteuert aber, an solchen Streichen nie beteiligt gewesen zu sein.

Wenn August Schlitt den Orgeldienst in ganz seltenen Fällen wirklich einmal nicht ausüben konnte, half damals schon Felicitas Stierstorfer aus. Genau wie in der familieneigenen Apotheke verrichtete sie auch an der Orgel ihren Dienst ruhig und ohne viel Aufhebens, aber äußerst gekonnt und professionell.

Dann gehörte auch Amtsgerichtsrat Dr. Wilhelm Becker zu den Organisten. Er wohnte als Leiter des ehemaligen Amtsgerichts Salmünster in der Dienstwohnung im Amtshof, und dort stand neben einer zweimanualigen Zungenorgel mit vollem Pedal auch ein sehr schöner Flügel, auf dem er gern zur von der Schallplatte wiedergegebenen Orchesterbegleitung Klavierkonzerte spielte. Dr. Becker war der erste, bei dem ich mich noch als Klavierschüler nach dem Gottesdienst auf die Orgelbank setzte und mal das Spielgefühl auf der Orgel ausprobierte.

Ludwig Korn war ein Organist von großer natürlicher Musikalität, was ihm im Gottesdienst bei Improvisation und Liedbegleitung enorme Flexibilität verlieh. Keine Situation brachte ihn in Verlegenheit, ein Zwischen- oder Vorspiel mochte so lang oder kurz notwendig sein, wie es wollte. Er hatte ein tolles Gefühl für Stimmungen und konnte, besonders im Team mit Pater „Pastor“ Bernward Ziwes, eine Gemeinde richtig emotional „rocken“. Ludwig Korn leitete zu seiner Zeit den Kirchenchor und begleitete ihn oft selbst an der Orgel. Auch von Ludwig Korn ist die eine oder andere Anekdote überliefert. Als Tanz- und Unterhaltungsmusiker waren ihm alle Fastnachtshits geläufig, und so führten am Faschingssonntag eines Jahres mein Vater und sein Freund Alfred Mathes vor dem Hochamt mit ihm die unvermeidliche Diskussion, ob er nicht zum Einzug den Narhalla-Marsch spielen könne. Nach anfänglichem striktem Weigern müssen ihm die beiden mit ihren kleinen Provokationen so zugesetzt haben, dass er schließlich wild entschlossen war und die Katastrophe nur dadurch verhindert werden konnte, dass Alfred Mathes beim Glockenzeichen zu Beginn des Gottesdienstes schnell den Strom an der Orgel ausschaltete. Ludwig Thoma lässt grüßen.

Mit Christa Noll, die leider vor zweieinhalb Jahren schon verstarb, kommen wir zu den bis in die jüngste Zeit aktiven Organistinnen und Organisten. Ihre Verdienste um das Projekt der neuen Jann-Orgel habe ich schon erwähnt, und darüber hinaus ist Christa Noll die erste Lehrerin an der Orgel für einige heutige aktive und professionelle (Kirchen-)Musiker gewesen, nämlich für Stefan Poppe, Andreas Rink und Alexander Zahn. Sie, die zu keiner Arbeitsstelle pendelte, hat Orgeldienste bei Werktagsgottesdiensten oder Beerdigungen zu allen Zeiten stets ermöglicht und in ungezählter Menge wahrgenommen. Ihr persönliches Steckenpferd waren die Orgeldienste in Alsberg, die sie zu ihrer Zeit quasi exklusiv durchgeführt hat.

Alle folgenden Organistinnen und Organisten in St. Peter und Paul sind heute weiterhin aktive Musikerinnen und Musiker. Dr. Maria-Elisabeth Heisler-Wiegelmann hat die Orgel bereits zuzeiten von Felicitas Stierstorfer und Dr. Wilhelm Becker gespielt, Musikwissenschaft studiert, ist heute als Musiklehrerin tätig und hat ihren kirchenmusikalischen Tätigkeitsschwerpunkt nach Bad Orb, dem Dienstsitz ihres Mannes, unseres Regionalkantors Thomas Wiegelmann, verlegt. Ebenso als Musiklehrer und Chorleiter im kirchlichen oder weltlichen Bereich tätig sind Dr. Andreas Rink (ebenfalls Musikwissenschaftler), Stefan Poppe und Alexander Zahn. Alle drei haben das Orgelspiel im Rahmen ihrer Hochschulausbildung professionalisiert. Natürlich ist Norbert Ross zu nennen, der seit inzwischen über dreißig Jahren auch unseren Kirchenchor mit viel Engagement leitet. Bei der Gestaltung vieler festlicher Gottesdienste mit dem Chor und Orchestermusikern und Organisten ist über die Musikalität hinaus immer wieder auch sein organisatorisches Geschick gefordert. Und schließlich ist Olivia Kirchner zu erwähnen, die als frischgebackene Absolventin der nebenamtlichen Organistenausbildung ins Team einstieg und heute in Stuttgart Kirchenmusik studiert.

Mit Christa Noll, Stefan Poppe, Andreas Rink, Norbert Ross, Alexander Zahn und mir waren wir das Organistenteam, das die ersten Dienste auf der neuen Jann-Orgel tätigte. Zusammen haben wir auch einige „Orgelkonzerte heimischer Organisten“ gegeben, das erste Programm aus dem Jubiläumsjahr 1995 ist hier zu sehen:

Allgemein

Die Vorgängerinnen der Jann-Orgel

– Genügt ein Bretterverschlag als Orgelprospekt? –

Interessiert hat mich schon als Vorschulkind, woher eigentich die Musik im Gottesdienst kam. Wenn ich während der Messe nach hinten oben in die Richtung, aus der der Klang kam, schaute – und das zog damals in aller Regel strenge Blicke der Umsitzenden, vielleicht im Nachhinein sogar eine zurechtweisende Bemerkung nach sich – war oben auf der zweiten Empore nur eine Art Bretterverschlag zu sehen. Dazu erklärte mir mein Vater ernsthaft, dass das die Orgel sei, die eben diesen Klang produziere. Zu sehen war, dass sich die Schwelljalousien, die diesen Anblick ausmachten, zu Beginn jedes Liedes oder Orgelstückes öffneten und danach wieder schlossen, mehr nicht. Ab und zu gingen wir direkt nach dem Gottesdienst auf mein Fragen noch nach oben auf die zweite Empore der Kirche, um aus nächster Nähe zu überprüfen, ob es mit den Erklärungen meines Vaters seine Richtigkeit hatte. Auch wenn dann der diensthabende Organist oder die Organistin alles bestätigte, war das für mich als Kind doch erstaunlich bis enttäuschend, dass ein solcher Bretterverschlag Musik von sich geben kann – oder darf. Pfeifen konnte man wirklich nur undeutlich irgendwo im Dunkeln erkennen, wenn man oben auf der Empore stand und der Bretterverschlag per Schwelltritt an der Orgel geöffnet wurde. Immerhin war da noch dieser Spieltisch mit den vielen Tasten und Schaltern, dem Schwelltritt und einem Register-Crescendo, also einer Vorrichtung, mit der man per Fußtritt oder Handhebel alle Register nach und nach quasi halbautomatisch hinzuziehen oder wieder abstoßen konnte.

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Orgel oder nur Dunkelheit hinter einem Bretterverschlag? Foto: Otto Hansmann

Dieses Orgelwerk, das ich als Kind kennenlernte und auf dem ich später meine ersten Übungen praktizieren sollte, war im Jahr 1919 durch die Orgelbaufirma Gebrüder Späth aus Ennetach auf der zweiten Empore der Kirche errichtet worden. Im Jahr 1968 wurde es von Pater Lambert Hartweck noch einmal umgebaut, so sagen es die Quellen von Gottfried Rehm, zu denen neben der gestern genannten Monografie besonders noch ein Artikel in den Buchenblättern vom 30. November 1982 zählt. Die Kirchenorgel von 1919 war das zweite Instrument, von dem gesichert ist, dass es an dieser Stelle stand. Zuvor war auf der Empore im Jahr 1745, dem Jahr der Fertigstellung  des aktuellen Kirchenbaus, von Bartel Brünner aus Würzburg eine Orgel mit 17 Registern erbaut worden. Welche das waren, ist nicht bekannt, und auch vom Prospekt dieses Instrumentes ist nichts erhalten bis auf zwei barocke Ornamente, die als Ohren bezeichnet wurden und an dem Neubau aus dem Jahr 1919 seitlich wieder angebracht wurden. Auf älteren Bildern sind sie noch zu sehen, beispielsweise auf dem, das in dem Kalender mit historischen Fotografien der Kirche für das laufende Jahr 2020 enthalten ist (und den man in der Kirche noch erhalten kann).

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Prospekt der Kirchenorgel von 1919 mit barocken Ornamenten von Bartel Brünner

Ob in einem Kirchenbau vor 1745 auf einer Empore eine Orgel stand, ist nicht sicher bekannt. Das Instrument von 1670, von dem im gestrigen Beitrag die Rede war, ist wohl eher dem Bereich des Chorraumes zuzuordnen. Noch früher ist im Jahr 1634 vom Bau einer „hölzernen Orgel“ „bestehend aus einem Posaunenwerk aus Holtz“ mit sechs Registern durch den Orgelbauer Jörg Kaiser aus Aschaffenburg die Rede. Sie soll „auf der Bühne“ der damaligen Kirche errichtet worden sein. Vielleicht ist mit „Bühne“ eine in der damaligen alten Stiftskirche vorhandene Orgelempore gemeint. Möglicherweise handelte es sich wie auch bei einem 1511 erwähnten Instrument um ein Positiv,  also eine kleinere und eventuell leicht versetzbare Orgel.

So war also die Entstehungsgeschichte der Vorgängerin der Jann-Orgel. Im nächsten Blog werden wir erfahren, wer außer Christa Noll, die ich als Organistin schon erwähnt habe, noch alles mit ihr zurechtkommen musste und welche Erfahrungen wir dabei machten.